Wummi & das Rednerpult Episode 2

Wummi und das Rednerpult – Episode 2

 

Wie man mit einem Satz eine Katastrophe auslösen kann…

 

Eine Kurzgeschichte von Volker Hochmuth im April 2012

 

Montag früh!

 

Wummi liest folgende Nachricht in der örtlichen Tageszeitung.

 

„In einem Laden in der Nähe, sei eine gefährliche Flüssigkeit, aus noch unbekannten Gründen ausgelaufen und hätte dort einen erheblichen Schaden verursacht. Die zuständigen Behörden untersuchen derzeit diesen Vorfall, stünden aber vor einem Rätsel bei der Aufklärung!“

 

Blass und starr vor Schreck warf sie die Tageszeitung auf den Küchenboden und ging zum Kühlschrank. Was Wummi dort vorfand waren keine Brötchen, kein Käse, keine Marmelade, keine Wurst, lediglich ein einsames Schnitzel lag eingewickelt in der hintersten Kühlschrankecke.

 

Nach einigen Sekunden Bedenkzeit landete das Schnitzel in der Bratpfanne und begann sich langsam bräunlich zu verfärben. Während sie in Gedanken versunken das Schnitzel beobachtete, stellten sich bei Wummi dunkle und zugleich traurige Gedanken ein. Ihre innere Stimme kreierte eine Art immer wiederkehrenden Singsang  welcher ihr sagte, dass sie selbst dringend eine Veränderung benötige. Die innere Stimme sagte ihr sie solle sich auf Ihre Talente besinnen, zu sich finden und nach gleichgesinnten suchen.

Während Wummi genüsslich das seltsam veränderte, bräunliche Etwas verschlang nahm sie sich vor, auf die Suche nach diesen, gleichgesinnten, zu gehen und über ihre Talente nach zu denken.

 

Einen Monat später!

 

Es war an einem Freitagabend.

 

Wummi war auf der Suche nach den gleichgesinnten auf eine Gruppe von Menschen gestoßen, die sich selbst „Stadtteil-Verein e. V.“ nannten.

 

Nachdem sie beim Vorstand vorgesprochen hatte und bereits zu einer Besprechung eingeladen worden war, sollte an dem heutigen Tag, eine großangelegte Vereins - Mitgliederversammlung stattfinden. Man hatte ihr gesagt, dass sich alle neuen Mitglieder vorstellen sollen und ihre eigenen Gedanken zum Verein und den Zielen darlegen.

 

Das fand Wummi logisch und nahm sich vor genau das zu tun. Sie hatte sich einige Zeit vorher gemütlich in ihrem Sessel sitzend belesen, etwas Wein getrunken und dazu circa 2 Tütchen Kartoffelchips genascht. Kartoffeln könne sie gut vertragen, die machen nichts, beruhigte sie sich dabei immer wieder.

 

Die Ideen finde ich gut und ich kann das alles verstehen. Das waren ihre Gedanken beim Lesen.

 

Während dessen tauchte plötzlich, zwischen einer Handvoll Kartoffelchips und einem großen Schluck Wein, ein Gedanke auf.  „Wenn ich das verstehen kann, dann rede ich darüber, sind ja gleichgesinnte!“  Schließlich steht da der Slogan geschrieben „Einer für alle – Alle für einen“ und ich muss ja meinen Talenten folgen.

 

Diese Idee fand Wummi sehr gut und sie fasste Mut!

 

„Auf zu neuen Ufern“ rief sie froh und enthusiastisch, in Gedanken“.

 

Die Stunde der Wahrheit rückte von Sekunde zu Sekunde näher.  Wummi saß auf ihrem Stuhl, in der Mitgliederversammlung.

 

Eben, in diesem Moment, riss der Redner vorne am Pult, Wummi aus Ihren Gedanken mit den Worten, das sie nun nach vorne ans Rednerpult treten sollte, um sich vorzustellen.

Ein Ruck ging durch ihren Körper welcher in der Lage war die Welle des Erschreckens durchaus abzufangen, so dass man es nicht deutlich sehen konnte.

 

Sie saß auf dem 8. Stuhl von rechts in der 5. Reihe mitten unter den Mitgliedern. Langsam und behäbig erhob sich Wummi von ihrem Stuhl, denn sie hatte immer noch den Ladengang vom Sonntag im Kopf und war deshalb sehr, sehr behutsam. Während sie sehr vorsichtig aufstand vernahm sie hinter sich einen Tonfall, der an ein verkniffenes „uhhhmmmooooch“ erinnerte.

 

Das bezog sie in diesem Moment noch nicht auf sich, denn schließlich war sie ja vorsichtig aufgestanden. Wummi hatte nur nicht die engen Stuhlreihen bedacht und dabei ihre Stuhllehne an das Kinn des hinter ihr sitzenden Vereinsmitglieds geprallt. Folglich kümmerte sie sich nur darum, durch die Sitzreihe vorbei an den neben ihr sitzenden Mitmenschen zu kommen, um letztlich den Gang zum Rednerpult erreichen zu können. Auf Grund des nun entstehenden Platzmangels, der durch Wummis Ansinnen nach vorne kommen zu wollen entstand,  fühlten sich diese Mitmenschen wohl auch wegen des sich annähernden Gefahrenpotentials genötigt, ebenfalls von den Stühlen aufzustehen.

 

Der Effekt war ein Minitumult. Der Mensch hinter ihr hatte mit seinem Kinn zu tun, die neben ihr sitzenden Menschen mit ihren Füssen, eine ältere Dame wusste nicht wohin mit ihrem Regenschirm und ein anderes Mitglied in der Stuhlreihe musste behende seinen Einkauf in Sicherheit schaffen.

 

Letztlich erreichte Wummi den Gang.  Alle beruhigten sich zunächst. Es trat Ruhe ein während Wummi bedächtig und noch vorsichtiger den Gang entlang zum Rednerpult schritt. 

 

Reiße Dich zusammen, es ist alles gut so wie es ist. Ich folge ja nur meinen Talenten!

 

Diese Gedanken durchrasten Wummis ganze Persönlichkeit, während sie inzwischen das Pult erreichte.

 

Ein Blick in das Publikum!

 

Sie beruhigte sich nur sehr langsam und nutzte die Zeit um sich das Publikum anzusehen. Da war ein Mann der sich ein Taschentuch ans Kinn hielt, eine ältere Frau hantierte  mit ihrem Regenschirm, einige bewegten mit zerknirschter Miene ihre Füße. Wieder ein anderer bemühte sich die Tomaten einzusammeln welche wohl aus der Einkaufstasche gerollt waren.

 

Während Wummi das alles sah, dachte sie, das sind aber seltsame Menschen und erhob dabei ihre engelsgleiche Stimme zu einigen Grußworten.

 

„Ich freue mich sehr, dass ich hier bei Euch sein darf und wünsche allen anwesenden einen interessanten aber auch entspannten Abend.“ …

 

Jemand aus dem Publikum sagte in diesem Moment, dass der bereits begonnen hätte, ihm einige Tomaten abhandengekommen waren und das von Entspannung nicht die Rede sein kann. Ein weiterer Mann kündigte mit gequälter Stimme an, dass er zum Arzt wolle um seinen Fuß untersuchen zu lassen. Die Frau mit dem Regenschirm stampfte mit demselben laut und sehr energisch auf den Fußboden während sie brummelte „das ist ja unmöglich“.

 

Bevor Wummi sich selbst vorstellte, ihren Namen sagte, was sie beruflich tue und was ihre Talente seien, entschloss sie sich indessen weiterzusprechen, um zunächst mit Ihrer Meinung zu den Vereinsdokumenten  aufzuwarten.

 

… „Mir ist beim Lesen der Dokumente besonders der Slogan aufgefallen. Einer für alle – Alle für einen. Da ich ein Mensch bin, der behutsam durchs Leben geht, und über die Dinge nachdenkt bevor er sie tut, muss ich Euch sagen, dass ich im Dokumentenverlauf die Umsetzung nicht wiederfinden konnte. Da ich auf dem Weg bin meinen Talenten zu folgen, biete ich Euch an, dabei eine aktive Hilfe zu leisten. Ich habe mir das wie folgt vorgestellt…

 

Wummi war sich nun ganz sicher den richtigen Ton gefunden zu haben. Sie fuhr fort mit den durchschlagenden Worten:

 

… Da ich eine Mitarbeiterin aus dem Bereich Behörden bin, fühle ich mich dazu berufen folgende Änderungen an den Dokumenten“

 

Weiter kam Wummi mit ihrer enthusiastischen Rede nicht!

 

Einige sprangen von ihren Stühlen auf und redeten wild durcheinander. Die Frau mit dem Regenschirm fuchtelte damit herum, der Mann mit dem Taschentuch auf dem Kinn rannte aus dem Saal, derjenige der mit seinem Fuß zum Arzt wollte, humpelte Richtung Ausgang und vorne am Rednerpult versammelte sich eine aufgeregte Menschenmenge, während aus einigen Stuhlreihen Tomaten auf den Gang rollten.

 

Auf Wummi aber achtete niemand. Sie entwich durch eine Seitentür in der Nähe des Rednerpultes.

 

Nach zwei Wochen erreichte ein E-Mail vom Vorstand alle Mitglieder, indem geschrieben stand, dass der Vorstand alle Vereinsdokumente prüfen lässt und damit drei Mitglieder beauftragt hätte. Alle Mitglieder würden weiterhin über den Verlauf der Dinge  informiert werden.

 

Ob Wummi diese E-Mail erreicht hat, bleibt unklar.

 

©by Volker Hochmuth 2012

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